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„Offen und neugierig muss ein Coach sein“ - André Breitenreiter im Interview mit Tipps für Junior-Coaches

Seine Laune ist genauso gut wie das Wetter, als wir André Breitenreiter an einem sonnigen Morgen in Hannover treffen. Unserem Junior-Coach-Reporter Osama bietet er gleich das Du an, wodurch das Interview zu einem entspannten Gespräch über Fußball wird – für das André Breitenreiter viel Zeit mitgebracht hat. Von seinen Anfängen als Fußballer über kleine Anekdoten hin zu den Karriere-Meilensteinen sprechen wir über seine gesamte Laufbahn. „Offen und neugierig muss ein Coach sein“, gibt er den Junior-Coaches mit auf den Weg – und beweist an jenem Morgen, dass er diese Eigenschaften selbst lebt. Es war ein besonderes Interview mit André Breitenreiter. Osama hat es für euch zusammengefasst.

Junior-Coach: André, als Junior-Coach interessiert mich deine Trainerkarriere natürlich besonders. Dennoch möchte ich mit deiner Spielerlaufbahn anfangen, die hier in Hannover begann. Was waren deine ersten fußballerischen Schritte?

André Breitenreiter: Angefangen hat alles im Alter von vier Jahren bei Borussia Hannover, einem kleinen Verein in Hannover. Als ich dann später beim HSC Hannover spielte, geriet ich schnell ins Blickfeld von Hannover 96. Dorthin bin ich dann zur C-Jugend gewechselt.

JC: Bei Hannover 96 hast du den Übergang in den Profibereich geschafft. Wie fühlte es sich an, das erste Mal mit den Profis zu trainieren, das erste Mal im Stadion aufzulaufen?

AB: Beim ersten Training mit den Profis war ich vergleichsweise entspannt. Wirklich schlimm waren die Einheiten davor, die der damalige Trainer Michael Krüger mit den Talenten aus dem Nachwuchsbereich und den Jung-Profis veranstaltete – davor hatte ich anfangs so viel Respekt, dass ich zum ersten Training gar nicht erst erschienen bin. Zum zweiten Training habe ich mich dann überwunden und es hat richtig Spaß gemacht. Ich konnte den Trainer von meinem Talent überzeugen und so nahm meine Karriere ihren Lauf.

JC: Mit Hannover 96 gelang 1992 der Gewinn des DFB-Pokals. Wie stark hat dich die Zeit in Hannover geprägt?

AB: Im Alter von 18 Jahren so einen Erfolg zu feiern ist natürlich ein überragender Start in die Karriere eines Fußballers. Ich habe das als Ansporn gesehen, solche Erfolge wieder feiern zu wollen.

JC: 1994 bist du zum Hamburger SV gewechselt und hast deine gesamten Karriere in Deutschland verbracht. Gab es nie den Wunsch, mal im Ausland zu spielen?

AB: Es gab schon einige Angebote aus dem Ausland. Für mich war die Bundesliga aber einfach die beste Liga, deswegen kam nichts anderes infrage. Mit den Jahren bekam ich immer mal wieder Anfragen aus dem Ausland, doch dann wurden auch die familiären Dinge wichtiger.    

JC: International konntest du trotzdem Erfahrungen sammeln – Du hast sämtliche Nachwuchs-Nationalmannschaften durchlaufen und warst unter anderem bei der U20-WM in Australien dabei. Wie nimmt man so ein Turnier als Spieler wahr?

AB: Puh, das ist jetzt schon etwas her. (lacht) Es war auf jeden Fall etwas Besonderes für Deutschland auflaufen zu dürfen. Aber auch der kulturelle Austausch war spannend. Da wir damals mit den anderen Mannschaften in einem Hotel untergebracht waren, hatte ich die Möglichkeit, mich mit vielen Spielern auszutauschen. Da merkt man, wie unterschiedlich der Fußball zum Teil gelebt wird.

JC: Wie unterscheidet sich so eine U20-WM vom Niveau der Bundesliga?

AB: Es ist insofern anders, da man in dieser Zeit nur gegen Gleichaltrige spielt und keine erfahrenen, abgezockten Profis dabei sind. Man lernt andere Spielstile, Kulturen, Mentalitäten und auch andere Rituale kennen. Das hat zum Teil für Erstaunen gesorgt. Ein Beispiel dafür ist Ghana, die vor jedem Spiel zu Trommelmusik sangen und tanzten. Sowas vergisst man nie wieder.

JC: Eine Sache, die mich sehr interessiert: Wie kam es dazu, dass du nach der Bundesliga noch so lang in der Regionalliga gespielt hast?

AB: Da kamen einige Dinge zusammen. Durch schwere Verletzungen konnte ich nicht mehr mein Leistungsvermögen abrufen. Zudem fühlte ich mich nicht optimal beraten zu der Zeit. Und mit der Pleite des Kirch-Medienkonzerns waren es turbulente Zeiten. Viele Vereine mussten harte Auflagen wie bspw. Transfersperren erfüllen, um die Lizenz für die Bundesliga zu erhalten. Es kam alles zusammen und das war letztlich mein Pech. Aber man darf nicht vergessen, dass die Regionalliga damals die dritte Profiliga war. Dort habe ich mit Holstein Kiel einen ambitionierten und sehr gut geführten Club gefunden. Die Zeit war nochmal richtig gut und hätte eigentlich vom Aufstieg in die 2. Bundesliga gekrönt werden müssen. 

JC: Kommen wir zu deiner Trainerkarriere. Nachdem Meistertitel 2009 mit dem TSV Havelse hast du im Alter von 36 Jahren deine Spielerkarriere beendet und noch im gleichen Jahr deine Trainer-A-Lizenz absolviert. War dir schon länger klar, dass du Trainer werden wolltest oder war das eine spontane Entscheidung?

AB: Aufgrund meiner vielen Verletzungen habe ich mir frühzeitig Gedanken über die Zeit nach meiner Spielerlaufbahn gemacht. So habe ich beispielsweise per Fernstudium ein Diplom im Sportmanagement gemacht. Ich wollte einfach ein Schritt weiter sein als die Spieler, die nach ihrer Karriere ebenfalls im Fußball weiterarbeiten wollten. Das Ziel Bundesliga-Trainer zu werden habe ich mir jedoch nicht konkret gesetzt. Erst mal wollte ich einfach einiges ausprobieren und herausfinden, was mir auf Dauer Spaß macht. Beispielsweise die Arbeit als Scout.

JC: Gutes Stichwort. Wie kam dein Scouting-Engagement beim 1. FC Kaiserslautern zustande?

AB: Während meiner Fußballkarriere knüpfte ich viele Kontakte. Der damalige Teammanager des 1.FC Kaiserslautern, Marco Haber, ist einer meiner besten Freunde und der FCK war in der Scouting-Abteilung nicht gut aufgestellt. Daraufhin fragte er mich, ob ich nicht mal ein Spiel für das Team scouten könnte. Das Trainerteam um Chef-Trainer Marco Kurz war von der detailreichen Analyse so begeistert, dass ich gleich den Job des Gegneranalysten übernahm. In meinen anderthalb Jahren dort stieg der FCK in die Bundesliga auf und spielte eine gute erste Halbserie in der Bundesliga.

JC: Was hast du aus der Zeit als Scout für deine Trainerkarriere mitgenommen?

AB: Es war eine sehr interessante Erfahrung, nicht nur Stärken und Schwächen des Gegners auszumachen, sondern auch Lösungen zu finden, um erfolgreich gegen den entsprechenden Gegner zu spielen. Ich konnte zudem Eindrücke aus der Organisation, Strukturierung und Spielanalyse sammeln, die man auch als Trainer benötigt.  

JC: 2011 dann dein erstes Engagement als Trainer. Als der Abstieg aus der Regionalliga schon fast sicher war, hast du den TSV Havelse noch zum Klassenerhalt geführt. Viele der Spieler kannten dich noch aus der Meistersaison 2009. War es ungewohnt, den ehemaligen Mitspielern auf einmal als Trainer zu begegnen?

AB: Es ist gar nicht so leicht, wenn man vor nicht allzu langer Zeit noch mit diesen Spielern eine Aufstiegsparty gefeiert und gemeinsam auf den Tischen getanzt hat. (lacht) Aber ich war auch in der Meistersaison schon der Ansprechpartner für die vielen jungen Spieler. Nach der Erstbesprechung und einer anfänglichen Umgewöhnung hat es sich recht schnell eingespielt, wir hatten auch keine Zeit zu verlieren. Wichtig war, dass wir wussten, welches Potenzial in den Spielern steckt. Das konnte in der Hinserie der Saison schlichtweg nicht abgerufen werden. Wir hatten nichts mehr zu verlieren, haben mit Spaß und harter Arbeit ein Team geformt, das mit Mentalität und einer klaren Spielidee auftrat. Für mich war das die perfekte Chance zu testen, ob mir das Trainieren im Herrenbereich liegt.

JC: Anschließend hast du den TSV Havelse zu einem Spitzenteam der Regionalliga geformt, gekrönt vom sensationellen Sieg gegen den 1. FC Nürnberg in der 1. Runde des DFB-Pokals. Welche Bedeutung hatte die Station in Havelse für deine Trainerkarriere?

AB: Dem TSV Havelse und insbesondere Stefan Pralle habe ich den Start meiner Trainerkarriere zu verdanken. Die Zeit war enorm intensiv und es sind enge Freundschaften entstanden. Erst letztens war ich zu der Hochzeit eines ehemaligen Spielers. Da hat sich wieder gezeigt, wie eng wir zusammengewachsen waren. Der TSV Havelse ist ein besonderer Verein, der dank seiner Verantwortlichen um Stefan Pralle aus seinen geringen Möglichkeiten immer wieder das Maximum herausholt. Man darf nicht vergessen, dass die Spieler trotz acht Stunden Arbeit immer total motiviert auf den Trainingsplatz gegangen sind. Da gehört schon eine Menge Leidenschaft und Ambition dazu, so viel Arbeit in sein „Hobby“ zu stecken. Es war eine Freude, solche Spieler zu trainieren, weswegen wir nicht nur gemeinsam erfolgreich waren, sondern auch echte Freunde geworden sind. Eine Zeit, die ich nie vergessen werde.

JC: Im Jahre 2013 hast du die Ausbildung zum DFB-Fußballehrer als Drittbester deines Jahrgangs abgeschlossen. Gib den Junior-Coaches doch mal einen Einblick in den Ausbildungsalltag der höchsten Trainerlizenz. Was muss man mitbringen, um Fußballlehrer zu werden?

AB: Es ist eine sehr intensive Ausbildung über zehn Monate mit sehr guten Ausbildern. Man kann sehr viel aus dieser Zeit mitnehmen, dafür muss man aber auf etwas Ruhe verzichten und ziemlich diszipliniert sein. Man reflektiert sich viel selbst. Aber noch wichtiger ist, dass man permanent Feedback von den anderen Teilnehmern bekommt.

JC: Nach Abschluss der Ausbildung wurdest du Cheftrainer des SC Paderborn und schriebst mit dem Aufstieg in die Bundesliga wieder mal Vereinsgeschichte. Inwiefern unterscheidet sich eigentlich die Wahrnehmung von Erfolgen im Vergleich zwischen Spielern und Trainern?

AB: Als Spieler ist man ein Teil einer Mannschaft und unheimlich glücklich, aber als Trainer bist du für diese Mannschaft verantwortlich. Erfolge sind eine Bestätigung, gemeinsam einen guten Job gemacht zu haben. Es freut einen Trainer, wenn die Spieler seine Ideen verinnerlichen und die Vorgaben umsetzen, aber auch variabel auf die vielen verschiedenen Spielsituationen eingehen und Lösungen parat haben.

JC: Der Wechsel zum FC Schalke 04 bedeutete dann eine ganz andere mediale Aufmerksamkeit bei deiner täglichen Arbeit. Wie bewertest du das Jahr auf Schalke für dich?

AB: Es war eine neue Herausforderung und ein Jahr aus dem ich sehr viel mitnehmen konnte. Denn auch als Trainer möchte man sich für die besten Vereine qualifizieren und ich hatte die Chance, einen der größten Clubs Europas zu trainieren. Wir haben uns mit dem jüngsten Kader der Liga gut entwickelt. Die zuvor verlorengegangenen Fans haben wir durch unser Auftreten zurückgewonnen, wir haben uns direkt für den internationalen Wettbewerb qualifiziert, junge Spieler weiterentwickelt, einige zu A-Nationalspielern geformt und in vielen Phasen ansprechenden Fußball gespielt. Es bleiben also viele schöne Erinnerungen. Auch wenn ich am Ende gehen musste, tat ich das erhobenen Hauptes.

JC: In einem Training beim FC Schalke 04 hattest du die Junior-Coaches Saskia Keßler und Fabian Freytag als Hospitanten zu Gast. Warum setzt du dich so für das Junior-Coach-Projekt ein?

AB: Der Junior-Coach ist ein Projekt, indem junge TrainerInnen unterstützt und für ihre harte Arbeit belohnt werden. Solchen Menschen stehe ich immer gerne zur Verfügung, um meine Erfahrung mit ihnen zu teilen.

JC: Als Pate - welche Tipps könnest du unseren Junior-Coaches, die gerade erst am Anfang ihrer Laufbahn stehen, mit auf den Weg geben?

AB: Es ist wichtig, seinen eigenen Weg zu gehen. Man muss Feedback annehmen, um Neues zu lernen, aber man sollte sich selbst dabei treu bleiben und im Kern nicht verbiegen lassen. Grundvoraussetzung ist die Freude am Fußball vermitteln zu können, damit die Spieler Spaß haben und gerne zum Training zu kommen – so kann man sich optimal weiterentwickeln und die bestmöglichen Leistungen abrufen.   

JC: Was sind deiner Meinung nach Eigenschaften, die jede/r Trainer/in benötigt?

AB: Offen und neugierig muss ein Coach sein, damit man sich weiterentwickeln und immer mehr aufnehmen kann. Eines der wichtigsten Dinge ist es, bodenständig und demütig zu bleiben, denn solange man bodenständig ist, weiß man, dass man von sich aus handelt und nicht wegen anderer Interessen.   

JC: Du stammst aus der Region Hannover, hast hier deine ersten Schritte als Spieler und als Trainer getan – hast du den Wunsch, irgendwann mal als Trainer zurückzukehren? Und was hast du bis dahin noch vor?

AB: Was meine Karriere angeht, bin ich im Moment ziemlich entspannt. Gerade genieße ich die Zeit mit meiner Familie. Nach dem Urlaub möchte ich durch Hospitationen, auch in anderen Sportarten, neue Eindrücke gewinnen und Ideen sammeln. Dafür war in den letzten Jahren nur sehr wenig Zeit. Das nächste Trainer-Engagement wird dann kommen, wenn alle Faktoren passen. Wann und wo das dann sein wird, ist noch völlig offen.

JC: Vielen Dank für das freundliche Gespräch!

AB: Gerne und dir viel Erfolg!

Projektkoordinatorin Nevena Orsulic, Andre Breitenreiter, Osama Labadi und Referent wie Mentor Lennart Neß (von links)